Von der Gegenwart der Geschichte(n)
zu Literarisierungen Europas bei Robert Menasse und Georgi Gospodinov
Schlagwörter:
Erinnerungskultur, Erzählen, Europa, Gewaltgeschichte, Nation, Nationalismus, Nach-wendeliteraturAbstract
Mit dem Ende der europäischen Teilung haben auch Erinnerungsnarrative, die sich in West und Ost häufig in Abgrenzung voneinander etabliert hatten, ihre Überzeugungskraft eingebüßt. Zahlreiche Texte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beschreiben in der Rekonstruktion von Familiengeschichten ost-westliche Grenzpassagen und Verflechtungen. Viele reflektieren dabei grundsätzlich über Möglichkeiten und Grenzen, solche von Heterogenität, Brüchen und Leerstellen geprägten europäischen Geschichten zu erzählen. Vor dem Hintergrund dieser Konstellationen, die Europa als „Memoryland“ prägen, werden die Romane Die Hauptstadt (R. Menasse) und Zeitzuflucht (G. Gospodinov) daraufhin gelesen, wie sie Prozesse und Funktionen des Erinnerns auf individueller und kollektiver Ebene reflektieren. Dabei werden bemerkenswerte Gemeinsamkeiten in der Problematisierung einer Renationalisierung des Erinnerns, den ambivalenten Aspekten von Demenz sowie der Ambivalenz zeichenhafter Repräsentation oder Aufführung des Vergangenen herausgestellt.
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