Unruhige Gäste
touristen in literarischen Werken. Eine Lebensstrategie und -praxis im Wandel
Ключови думи :
Tourist, Tourismus, Weltverhältnis, Sozialfigur, ResonanzАбстракт
Elias Canetti stellt in seiner Skizze „Der Blinde“ einen Menschen mit einer Kamera in der Hand dar, der mit geschlossenen Augen die Welt bereist und sich diese nur auf Fotos angucken möchte. Unschwer lässt sich an der Grundhaltung dieser Figur der Tourist erkennen. In Anbetracht der konstanten Merkmale des touristischen Reisens, wie es seit dem 19. Jahrhundert bis heutzutage als Lebensstrategie und -praxis zum Vorschein tritt, geht der Beitrag der Frage nach, ob Tourismus und Touristen (als eine charakteristische Sozialfigur) tatsächlich unberührt von der sich beschleunigenden gesellschaftlichen und technischen Entwicklung geblieben sind, wie das mehrere literarische Texte seit dem 19. Jahrhundert vermuten lassen. Als passendes Gebiet, auf dem Veränderungen beobachtet werden können, wird das Subjekt-Welt-Verhältnis herausgearbeitet. Auch in Canettis Skizze verwundert das besondere Weltverhältnis, versteckt hinter bekannten touristischen Praktiken. Hartmut Rosas Soziologie der Weltbeziehung mit ihrem zentralen Begriff der Resonanz ergibt den theoretischen Raster, vor dem zwei Romane – Christoph Ransmayrs „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ und Ilija Trojanows „Eistau“ analysiert werden. Die Resonanzsuche der Protagonisten mündet zwar in Katastrophe und Tod, verweist aber auf das Bedürfnis einer resonanten Weltbeziehung als Grundlage des guten und gelungenen Lebens. Als positiver Gegenentwurf, in welchem „Aufenthalte“ als Resonanzerfahrung in und mit der Welt möglich erscheinen, wird Heideggers gleichnamiger Text herangezogen.
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