Zu einer wichtigen Neuerung im Bereich der althochdeutschen Syntax und ihrer Genese. Beobachtungen anhand des althochdeutschen Тatian

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  • Emilia Dentschewa Sofia University "St. Kliment Ohridski" image/svg+xml Author

Schlagwörter:

althochdeutscher Tatian, Subjektindizierung im Althochdeutschen, Entwicklung des analytischen Typs der Personalindikation im Althochdeutschen, pronominale Subjektindizierung im althochdeutschen Tatian, Genese der expliziten pronominalen Subjektindizierung

Abstract

Die Grundzüge des syntaktischen Systems des Deutschen finden sich bereits im Germanischen. Zwei wesentliche Faktoren bestimmen die weitere Entfaltung der Syntax – die Wirkung der germanischen Auslautgesetze als Folge der Festlegung des starkdynamischen Akzents auf der ersten Silbe des Wortes (Initialakzent) und die sich im Laufe der Entwicklung der germanischen Gesellschaftsstruktur immer komplizierter gestaltende sprachliche Kommunikation. Die Veränderungen im Wortauslaut führten einerseits zu einer Verletzung der funktional-grammatischen Eindeutigkeit vieler Nominal- und Verbalformen, was die Entstehung morphologischer Ersatzformen für den Ausdruck der syntaktischen Zusammenhänge im Satz herbeigeführt hat – Artikel beim Substantiv, Subjektpronomen beim Verb, analytische Umschreibungen von Kasus, analytische Umschreibungen verbaler Funktionseinheiten. Die Notwendigkeit der Erfassung komplexer Sachverhalte (auch durch Sprachkontakt) erforderte andererseits eine stärkere Ausprägung der Parataxe und der Hypotaxe, wie auch eine stärkere Verfestigung der Wortstellung.

Im Rahmen dieses Artikels liegt der Schwerpunkt auf dem Entwicklungsstand des Nominal-Verbal-Satzes im Hinblick auf die explizite pronominale Subjektindizierung in der althochdeutschen Übersetzung des Tatian aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Die Beobachtungen entstanden im Zusammenhang mit der Arbeit an der Erstellung des „Sprachlichen Schlüssels zum althochdeutschen Tatian“ (nach der Ausgabe von Eduard Sievers), der im Dezember 2023 im Universitätsverlag „St. Kliment Ochridski“ erschienen ist. Es wird hervorgehoben, dass die überaus häufige autonome Verwendung des Subjektpronomens in Tahd offensichtlich als Ergebnis einer in ihrer Verfestigung bereits fortgeschrittenen Regel zur expliziten Kennzeichnung des Subjekts angesehen werden kann. Im modernen Deutsch wird diese Regel die obligatorische pronominale Subjektindizierung vorschreiben.

Abschließend wird darauf hingewiesen, dass die Entwicklung des analytischen Typs der Personalindikation im Althochdeutschen als späte Folge der Auferlegung einer dynamischen Wortanfangsbetonung im Germanischen zu betrachten ist.

 

Autor/innen-Biografie

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Veröffentlicht

2025-12-31

Ausgabe

Rubrik

TEIL 1: SPRACHWISSENSCHAFT

Zitationsvorschlag

Dentschewa, Emilia. 2025. „Zu Einer Wichtigen Neuerung Im Bereich Der Althochdeutschen Syntax Und Ihrer Genese. Beobachtungen Anhand Des Althochdeutschen Тatian“. Zeitschrift „Germanistik Und Skandinavistik“ Journal for German and Scandinavian Studies 1 (Dezember): 146-68. https://periodicals.uni-sofia.bg/index.php/gsc/article/view/3215.